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Freitag, 5. Mai 2006

Vol 2: Jonathan Safran Foer

Ein jüdischer Amerikaner namens Jonathan Foer, twenty-something, begibt sich in die Ukraine um auf Spurensuche nach Herkunft und Geschichte seiner Familie zu gehen.
Seine personal guides sind Alex, etwa in seinem Alter, der durch und durch vom westlichen lifestyle bzw. kapitalistischen Werten geprägt ist, fan von Michael Jackson, breakdancer, ganz ghettostyle goldkettenbehangen und dessen verbitterter Großvater Alex, der zwar etwas gegen "dumme reiche Juden" hat, diese jedoch mit seinen unternehmen "heritage tours" in einem verschossenen alten Bock durchs lande fährt zu den Orten, die deren Ahnen einstmals Heimat war.
Immer wieder für Lacher sorgen in diesem wundervollen Film zwischen Komödie und poetischem Roadmovie gerade der (zwar satirisch überzeichnete) unverkrampfte Umgang des jungen Alex mit jenen Werten auf denen zwar unsere westliche Gesellschaft ursprünglich fußt, zu denen die meisten von uns /westlichen Vollspacken/ aber längst eine sensible und leicht skeptische Einstellung pflegen: Menschen schwarzer Hautfarbe nennt Alex völlig unvoreingenommen "Negroes" (er schätzt sie sogar sehr!), Frauen dienen in erster Linie dem "fleischlichen Verkehr" und Geld ist das nonplusultra einer zufriedenstellenden Lebensführung. Doch trotz dies allem ist der etwas naive Ukrainer aus Odessa durchaus sympathisch. Dass der Amerikaner Jonathan entschiedener Vegetarier ist und im fremden Land deshalb als "mentally deranged" bezeichnet wird, ist im Film ein running gag und dazu ein netter Seitenhieb auf die im Fleischkonsum führenden USA.

Gerade diese Zwischentöne sind es die Film und Buch auszeichnen. Auch das ist Populärkultur bzw. Pop. In einem Artikel der aktuellen Ausgabe des total p.c.nen
Musikmagazins /Intro/ schreibt Linus Volkmann folgende schöne Zeilen über seine Moskau-Reise: "Fremde Länder, Städte, Räume - erst mal checken, Wie tickt das denn hier? Muss ich Schuhe ausziehen, kann ich Wasser direkt aus Pfützen trinken etc.? Wer hilft da? Klar, Pop. Der ist in seiner herrschenden Ausprägung zwar zutiefst westlich, dabei aber ähnlich wie Dollars und Kapitalismus auch jenseits des angestammten Terrains zu einer gültigen Währung geworden. Daran lässt das mit Werbebannern tapezierte Moskau keine Zweifel. Alles bunt, alles Marke, alles Pop. Kein Wunder, ist Pop ja stets der Zuckerguss auf dem Kuchen von Kulturindustrie. Dir fehlt was, Du brauchst was, gibt einem Moskau entfesselter als Großstädte mit längerer kapitalistischer Tradition zu verstehen. (...)" Zwar ist Linus Volkmann ex officio (yeah!) Musikjournalist, aber eben auch Kulturbeobachter und deswegen ist sein Pop-Begriff nicht allein auf einschlägiges Wissen über angesagte oder weniger angesagte Musikkapellen beschränkt. "Pop" wird so zu einem Sammelbegriff für populärkulturelle Artefakte, Dingen des (all-)täglichen Lebens, in einer kulturkreisübergreifenden Semiose (now, thats what I call a Satz!). In die gleiche Kerbe hauen einige Sequenzen aus "Alles ist erleuchtet":
Die 80er-Jahrgänge des so called ehemaligen Ostblocks skaten, hören Black Music, trinken starbucks-coffee und selbst der kleinen Ziegenhirtejunge aus der Provinz trägt Converse Chucks und seine bevorzugten Devisen sind Kaugummis. Das wiederum wird in ein satirisches Verhältnis zu den Marlboros gesetzt, die der Ami, auf Empfehlung seines Taschenreiseführers hin als Trinkgeld einsetzen will: Den Älteren ist die Sitte des Trinkgeldgebens unbekannt und den Jüngeren ist sie nicht mehr DAS Statussymbol wie vor einigen Jahrzehnten: es gibt eben "cool" und "uncool" und welche Marke Du rauchst.

Überhaupt haben (neben den obligatorischen Fragen nach Liebe, Freundschaft, Vergangenheit und Erinnerung) Dinge, schnöde Waren, seien sie nun industrieller Natur oder Fundstücke im originären Sinn eine zentrale Bedeutung - Jonathan bezeichnet sich selbst als "Sammler" und hat einen perfiden Sammeltick. Auch hier zeigt sich die erzählerische Rafinesse des Autors von "everything is illuminated": Der Sammler wäre gerne Schreiber, ist es aber nach eigenen Angaben nicht und der etwas dümmlich/naiv/uncool wirkende Alex erweist sich im Nachhinein als Poet von der Straße, der schließlich die Rolle des Schreibers des Werkes zugewiesen bekommt. Übertrieben und furchtbar pathetisch ausgedrückt: In der von Globalisierung ergriffenen Welt des 21. Jahrthunderts kommuniziert man vordergründig noch über Sprache (englisch verschiedenster couleur) - doch längst haben die Dinge und Waren und die Oberflächlichkeit des Pop die Rolle inne, uns über traditionelle Grenzen hinweg miteinander zu verbinden und uns manchmal auch täuschen. Vielleicht ist das weltweite Essen bei MacDoof (Ich find das Essen dort wirklich nicht sonderlich geil...) in der Tat das beste Zeichen für Völkerverständigung, außerdem ist das ja so schön ambivalent, da stehen wir ja alle drauf.
Doch - und das zeigt dieser Film besonders gut - vielleicht sind es gerade die Differenzen und die unterschiedlichen Ausprägungen der zum Teil immer noch national gefärbten Warenwelt, die uns übers Schmunzeln über die fremdartige Erscheinung der vom Zweck her gleichen Gegenstände (von mir aus Kulinarien), uns gegenseitig näher bringen. In etwa so wie Simmel meint: "(...) Das Anmuthigste aus dem Anmuthlostesten" finden oder Walter Benjamin schreibt: " Das alles ist Jahrmarkt. Daß es aber das ist, daß hier in jeder Ecke und unter tausenderlei Gestalten das Essen seine Purzelbäume schlagen und seine Kunststücke zeigen kann und daß wir uns vom hundertsten ins tausendste verlieren, von einem Schnullerkabinett zu den mittelalterlichen Saugflaschen und von den mittelalterlichen Saugflaschen zu den Inkunabeln der Medizin, wo sie zum ersten Male abgebildet sind, kurz daß uns jeden Augenblick so viel >>dazwischen kommt<< und dieser Rummelplatz mit Gratiskino, Gratisführung, Gratisausschank auf einen Vergnügungspark verzichten durfte, weil er selbst einer war, das ist doch nur die Kehrseite einer straffen und glücklichen Organistion, die überall locker lassen konnte, weil sie das Ziel fest im Auge hatte: für vernünftiges, sauberes, freudiges Essen zu werben." Nur da frag ich mich: Gratiskino, Gratisführung, Gratisausschank? Wo
gibts denn heute noch /so/ was? Ja, ja, die gute alte Zeit! Aber mit Verlaub: Ein bißchen oldschoolige Kritik ist doch schon noch drin: Die Welt kann mich nicht mehr verstehen -

by tropenhaus @ 19:33h | link | 0 comments | comment

Vol 1: Walter Benjamin

" Sich in einer Stadt zurechtfinden heißt nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einem Walde sich verirrt, braucht Schulung. Da müssen Straßennamen zu dem Irrenden so sprechen wie das Knacken trockener Reiser und kleine Straßen im Stadtinnern ihm die Tageszeiten so deutlich wie eine Bergmulde widerspiegeln. Diese Kunst hab ich spät erlernt; sie hat den Traum erfüllt, von dem die ersten Spuren Labyrinthe audf den Löschblättern meiner Hefte waren. "

Walter Benjamin, Berliner Kindheit um neunzehnhundert


"In uns leben noch immer die dunklen Winkel, geheimnisvollen Gänge, blinden Fenster, schmutzigen Höfe, lärmenden Kneipen und verschlossenen Gasthäuser. Wir gehen durch die breiten Straßen der neu erbauten Stadt. Doch unsere Schritte und Blicke sind unsicher. Innerlich zittern wir noch so wie in den alten Gassen des Elends. Unser Herz weiß nichts von der durchgeführten Assanation. Die ungesunde alte Judenstadt in uns ist viel wirklicher als die hygienische Stadt um uns."

Gustav Janouch, Gespräche mit Kafka


Sehen lernen. Nicht nur /mehr/ sehen, sondern auch /anders/. Das beginnende zwanzigste Jahrhundert. Glühbirne, Telefon, elektrische Straßenbahn, Neon-Reklame. Durchbruch der Massenmedien, des Kinos, des Rundfunks. Den Prozess den wir "Moderne" nennen bricht Ende des neunzehnten Jahrhunderts ein in die herrschaftlich ausstaffierten Salons des bürgerlichen Zeitalters und führt uns in enge, dunkle Gassen hinaus zu den Tatortaufnahmen Atgets vorbei an Bildern von dekadenten Metropolen, vorbei an Picassos Guernica, wo uns Einstein auf dem Fahrrad entgegenfährt weiter zu einer Videoinstallation, die Goebbels Sportpalastrede parallel neben Bildern vom Tian´anmen-Massaker und Alain Resnais "Hiroshima mon amour" zeigt. Als ich die Augen öffne fahren wir zu dem sound von Kraftwerk´s Autobahn ins postkommunistische Prag - auf dem Wenzelsplatz fällt der Blick auf ein allzubekanntes großes gelbes M, dass schnelles Essen verspricht. Der Führer erzählt von der "velvet revolution". Die Wege in der Innenstadt werden gesäumt von weltweit wiedererkennbaren Icons.

"Innerhalb großer geschichtlicher Zeiträume verändert sich mit der gesamten Daseinsweise der menschlichen Kollektiva auch die Art und Weise ihrer Sinneswahrnehmung" (WB, KW,III). In seinem bekanntesten Aufsatz "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" geht Walter Benjamin der Frage nach inwiefern die technischen Neuerungen, die zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ihren Siegeszug begannen die Kunstproduktion sowie die Kunstwahrnehmung unserer Gesellschaft verändert haben. Dabei richtet er seinen Blick auf die neuen Möglichkeiten der technischen Vervielfältigung, die durch Fotografie und Film entwickelt wurden und stellt massive Veränderungen fest. Benjamins Aufsatz gilt heutzutage, obschon lange verkannt, als eine der bedeutensten These zur Moderne.
Dabei geht Benjamin mit seiner Ästhethik zweigleisig vor, betrachtet sowohl eine historische Dimension, in der er die Ablösung des Kultwertes eines Kunstwerk zu Gunsten seines Austellungswertes mit Beispielen aus früheren Epochen (wie Madonnenfiguren) ausarbeitet, als auch eine räumliche Dimension, für dessen Untersuchung er den Begriff der Aura in die Ästhetik einführt. Die Vorraussetzung seiner Betrachtungen ist dabei, Kunstproduktion und -rezeption als anthropologische Gegebenheiten zu sehen, die sich jedoch ebenso wie die menschliche Umwelt wandeln. Dadurch daß er Wechselwirkungen (hier:) zwischen Technik und Kunst erkennt, macht Benjamin einen wichtigen Schritt hin zur modernen Kulturwissenschaft.

Bedenkt man die Kunstgeschichte der Jahrhundertwende und des zwanzigsten Jahrhunderts so ist der heftige Bruch zu vorigen Jahrhunderten kaum zu übersehen. Mit dem Impressionismus wurde die Malerei zum ersten mal im großen Maßstab selbstreflexiv, das Augenmerk wurde auf den Sehprozess selbst gelegt, das heisst, nicht was wird gesehen, sondern wie? Mit der Abstrakten Malerei hielt in die Kunst respektive die (Kunst)wahrnehmung die komplette Auf- oder Ablösung der alten Seh- und Denkstrukturen Einzug, ein Beispiel mag Duchamps "Akt eine Treppe hinabsteigend" sein oder seine sogenannten "objet trouveés" bzw. "ready-mades" (Benjamin sieht im Dadaismus einen Vorläufer des Films), die in radikalster Weise die Frage nach dem Daseinsgrund der Kunst überhaupt aufwerfen.
Diese Frage ist auch ein Ansatzpunkt Benjamins bei seiner ästethischen Untersuchung. Er möchte darstellen, daß die Tendenz zum Massenkonsum und die Entwicklung der maschinellen Reproduktion den Gesamtcharakter der Kunst verändert hat. Die Entwicklung von Film und Fotografie führte dazu, daß der von W.B. "auratisch" genannte,das heisst der kontemplative und der Kritik entzogene "Kultwert" eines Kunstwerks durch seinen "Austellungswert",zugespitzt seinen Warenwert, ersetzt wird. (Beim Betrachten der Amazon-Homepage fällt es nicht schwer das zu glauben.) Für Benjamin impliziert dies gleichermaßen eine von ihm angestrebte Funktionsänderung der Kunst - so soll die Kunst nun, ginge es nach dem unorthodoxen Linken, sich dem politischen Wirken verschreiben, denn Nazi-Deutschland vor Augen entging ihm nicht, daß der Faschismus eine Ästhetisierung der Politik betrieb, wie z.b. bei den Olympischen Spielen 1936. Walter Benjamin beklagt diesen irreversiblen Prozess der Verwandlung der Kunst nicht, sondern begreift eben die neue Massenkultur als eine neues Zeitalter, in dem auch das Wirken der Kunst z.B. im Kino auf breiter Basis zu verwirklichen ist und dagewesene Traditionswerte liquidiert werden (KW, II). Genauso ist ihm der Verfall der "Aura", die WB universell als die " einmalige Erscheinung einer Ferne so nah sie auch sein mag" definiert, ein Indikator für den Prozess der Moderne und das Entstehen der Massengesellschaft.
Es ist noch nicht auszumachen, ob dieser Prozess heute abgeschlossen ist oder u.a. durch world wide web und der digitalen entwicklungen wie DV, digi-cam, i-pod usw. weitergeführt wird. Wohin der weg führt weiß man ohnehin nicht. Dennoch >>die Dinge sich räumlich und menschlich "näherzubringen" ist ein genauso leidenschaftliches Anliegen der gegenwärtigen Massen wie es ihre Tendenz einer Überwindung des Einmaligen jeder Gegebenheit durch die Aufnahme von deren Reproduktion ist<< (KW III). Mir schwant beim Betrachten der Fußgängerzone in Prag daß sich mittels jener oben genannter wiedererkennbaren Icons auch schon Teile von Innenstädten reproduzieren lassen. Spuren kulturkreisweiter Gleichschaltung. . Anderseits: eine Chance der Vernetzung und weltweiten Kommunikation - zu viel sich reprodizierender Müll wird auf der Amazon-Homepage verkauft. Jedoch auf die Frage hin warum ich den sound von velvet underground, Andy Warhols Bananencover oder die Filme Wes Andersons künstlerisch wertvoll finden, könnte man antworten, obwohl von großem merkantilem Wert, haben sie ihre Aura bewahrt. In der Sinneswahrnehmung der menschlichen Kollektiva muss es also auch /ökologische Nischen/ geben.

by tropenhaus @ 19:30h | link | 0 comments | comment


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